Beim Geocaching im Wald verirrt

Seit Tagen ist es eines der meist kommentierten Themen: eine Geocacherin hat sich im Wald verirrt und muss mit viel Aufwand gesucht werden, nachdem sie per Notruf um Hilfe gebeten hat.

Geocacher verirrt sich

Das klingt erstmal seltsam, beim Geocaching im Wald verirrt, und wohl deshalb, ergießen sich vor allem bei Facebook Spott und Häme zu dem Thema. Schließlich verwendet man als Geocacher GPS, da kann man sich doch gar nicht verlaufen!

Auch die Presse hat über den Vorfall berichtet, doch bekanntermaßen, sind weder einzelne Presseartikel, noch Facebook dazu geeignet sich ein Bild von dem zu machen, was wirklich passiert ist. An Hand der verschiedenen, mehr oder weniger ausführlichen Meldungen, kann man jedoch durchaus versuchen zu rekonstruieren wie und warum es dazu kam.

Die Geocacherin reiste aus Herne (Nordrhein-Westfalen) an und nahm sich ein Zimmer in Tawern, einer Ortsgemeinde im Landkreis Trier-Saarburg (Rheinland-Pfalz). Der Tawerner Wald erstreckt sich etwa 4 km nach Süden und hat eine Breite von knapp 2 km. In der Google Earth Sicht, erkennt man, dass es sich um einen recht dichten Wald handelt, was ein Polizeisprecher als Ursache dafür nahm, dass der Hubschrauber mit Wärmebildkamera keinen Erfolg bei der Personensuche hatte. Die OSM- und Topo-Karte weisen zwar Wege aus, doch lt. SWR sind diese nicht besonders gut ausgebaut. Wer viel im Wald unterwegs ist weiß, dass auch offizielle Wanderwege oft nicht mehr sind als ein Pfad, ein Trail eben.

tawern_wald_earth-osm-topo

Analyse(versuch) der Ereignisse

Sie parkte am nördlichen Waldrand, wohl gemäß der Parkkordinate des Listings, und machte sich mit ihrem Hund auf, einen Multi zu absolvieren. Wann sie gestartet ist, lässt sich nicht sagen, laut Log, erreichte sie das Final gegen 18 Uhr. Die Zeit des Sonnenuntergangs ist dieser Tage dort um ca. 18:30 Uhr. Die Wege beschreibt sie als matschig, das lässt darauf schließen, dass sie wohl länger gebraucht hat als gedacht/geplant. Auf matschigen Wegen kommt man einfach nicht so gut und schnell voran, das wissen wir alle. Der vorgesehene Rückweg, soll dann sogar so verschlammt gewesen sein, dass er unpassierbar war. Ist ein Weg nicht passierbar, sucht man natürlich einen anderen Weg. Soweit so gut. Zwischenzeitlich wurde es dunkel, und nun hat sie offensichtlich die Orientierung verloren. Auch dürfte zu diesem Zeitpunkt bereits der Akku des Handys schwach gewesen sein. Dafür gibt es mehrere einleuchtende Gründe: Cachedauer auf Grund der Situation vor Ort länger als gedacht – Phone war möglicherweise die ganze Zeit online, was in Gebieten mit schlechter Mobilfunkabdeckung zu erhöhtem Energieverbrauch führt. Auch dauerhafter Gebrauch von GNSS-Diensten braucht viel Strom. In Summe betrachtet, kommt man so auf nur wenige Stunden Akkulaufzeit, vorausgesetzt dieser war beim Start voll geladen.

Wie auch immer, jedenfalls setzte sie in Anbetracht der misslichen Lage einen Notruf ab. Dabei konnte sie jedoch nur noch ihren ungefähren Standort mitteilen, dann war der Akku endgültig leer. Die Polizei startete daraufhin eine Suchaktion mit Beteiligung eines Hubschraubers und der Feuerwehr. Bis zu 70 Einsatzkräfte sollen, der Presse zufolge, an der Suchaktion beteiligt gewesen sein und gegen 23 Uhr wurde sie dann mit Hilfe von Suchhunden schließlich gefunden. Für die Bergung waren ein Unimog und ein Traktor notwendig, Fahrzeuge die für den Einsatz in unwegsamem Gelände konzipiert sind. Der Trierische Volksfreund schreibt dazu:

Gegen 23 Uhr stoßen die Helfer aber schließlich mit einem geländegängigen Unimog und einem Allrad-Traktor in extrem unwegsames Gelände vor und finden dort die Vermisste, erschöpft und unterkühlt, aber unverletzt.

Im Anschluss wurde die Frau in ein Krankenhaus gebracht und ihr Hund wurde in einem Tierheim versorgt. Nachdem beide, Hund und Frauchen, die Aktion trotz allem gut überstanden haben, sind sie laut eigener Aussage bereit für neue Abenteuer.

Geballte Social-Media-„Kompetenz“

Wie eingangs erwähnt, werden solche Ereignisse sehr schnell in den sozialen Medien geteilt. Und wie so oft, wird das dann ausgiebig kommentiert, getreu dem Sprichwort „Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung.“ Zunächst wurde natürlich unterstellt, dass das ein Anfänger gewesen sein muss, mit GPS kann man sich doch nicht verlaufen. Und außerdem taugen Handys sowieso nicht zum Geocachen. „Richtige“ Cacher sind selbstverständlich mit einem GPSr unterwegs, da kann sowas nicht passieren.

Wie man leicht erkennen kann, haben die meisten die bereits verfügbaren Presseberichte gar nicht gelesen, sondern gleich mal drauf los spekuliert. Dabei werden immer gerne Stereotypen bemüht und es wird verallgemeinert sowie pauschalisiert. Daraus werden Kernaussagen gebildet wie „Handycacher sind blöd“ – „Wer allein in den Wald geht ist blöd.“ – „Wer kein GPSr hat ist blöd.“ – „Wer sich vorher die Umgebung nicht anschaut ist blöd.“ – „Wer keine Ersatzakkus dabei hat ist blöd.“

Dann hat sich herausgestellt, dass die Cacherin bereits über 800 Funde hat, also keine blutige Anfängerin mehr ist. Was nun? Ist sie jetzt „einfach nur blöd“? Wohl kaum. Außerdem, wer sind wir, dass wir uns darüber ein Urteil erlauben? Ist nur derjenige ein besserer Cacher der einen GPSr sein Eigen nennt oder ständig mit großer Ausrüstung unterwegs ist?

Natürlich war das keine Glanzleistung, denn man kann sich in der Tat vorbereiten und solchen Ereignissen mit entsprechender Ausrüstung vorbeugen.

Es ist jedoch eine Unsitte, vor allem bei Facebook, bei solchen Vorfällen mit Spott und Häme um sich zu werfen, so dass für die Mehrzahl der Kommentare nur „Bashing“ als treffende Bezeichnung in Frage kommt. Kaum jemand hinterfragt die Umstände, und wenn doch, wird dem mit Vorurteilen und vorgefassten Meinungen begegnet. Gerne werden solche Themen auch entpersonalisiert, um dann umso mehr lästern zu können. Dass die betroffene Person ein Mensch und Teil der Community ist, wird dann verdrängt. Und das finde ich persönlich traurig.


Pressemeldungen zum Vorfall:

Blogartikel zum Thema

 

 

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3 Antworten

  1. Jörg sagt:

    Vielen Dank für die tolle Aufbereitung des Vorfalles! Vor allem freue ich mich, dass ich nicht der einzige Blogger bin, der das was dort auf FB abgeht einfach nur „arm“ findet. Und Danke auch fürs Erwähnen.

    Gruß aus Hessen, Jörg

  2. Kocherreiter sagt:

    Gut aufbereitet und danke fürs Verlinken.
    Als ich die Beiträge der „Community“ auf Facebook gelesen habe, habe ich mich geschämt! Draufhauen scheint heutzutage die Devise mancher zu sein; vorallem ohne sich auch nur ein bisschen mit dem Warum zu beschäftigen.

    Gruss von „um’s Eck“
    Kocherreiter

  1. 21. Oktober 2015

    […] Beim Geocaching im Wald verirrt (geocachingbw.de) […]